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Es war doch nicht alles schlecht

Angeblich sehnen sich 10 % der Ostdeutschen zurück nach der DDR. Ich schrieb einst, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass sie wirklich die DDR meinen, sondern sich – gerade in diesen wirtschaftlich unsicheren Zeiten – nach der – zumindest gefühlten – Sicherheit zurücksehnen. Vielleicht irre ich mich aber auch. Vielleicht war dieses System für die meisten Menschen das richtige: Es gab sie ja, die gewisse Sicherheit, ein Leben im – bescheidenen – Komfort, keine Existenzängste. Man musste “lediglich funktionieren” und durfte keine unbequemen Fragen stellen – jedenfalls nicht nach außen.

Aber mal ehrlich: Wie viele Menschen stellen sich denn – auch im Westen – wirklich solche Fragen? Wer hinterfragt ernsthaft diese schwachmatischen wirtschaftlichen Harakiriaktionen – oder sollte ich schreiben Beruhigungspillen – wie zum Beispiel die Abwrackprämie? Wer hinterfragt ernsthaft die politischen Entscheidungen die offensichtlich nicht zum Wohle des Volkes sondern in erster Linie zum Nutzen der Wirtschaft, und hier in erster Linie den Wirtschaftsgiganten, sind? Wer hinterfragt die Atompolitik – jedenfalls solange nicht gerade mal wieder Reaktorstörfälle an die Öffentlichkeit dringen? Warum wird zugelassen, dass wir uns im Kriegszustand befinden – auch wenn der KriegsVerteidigungsminister nicht müde wird von Friedenseinsätzen zu schwafeln? Wer hinterfragt ernsthaft die Rettungspakete für Banken, wo sich mittlerweile die ersten windigen Vorstände wieder die Millionen in die eigene Tasche stecken und im Prinzip alles so weitergeht wie vor dem “großen Crash”? Das Volk will seine Ruhe! Verblödungs-Fernsehen, halbgare Versprechen für Steuersenkungen und sichere Renten – wie immer sie auch finanziert werden sollen – genau das will die Mehrheit hören. Dass sie – gerade im Wahlkampf – verarscht wird bis der Arzt kommt äußert sie bestenfalls am Stammtisch, um dann bei der nächsten Wahl doch wieder die etablierten Parteien zu wählen.

Wie ist das “hier im Westen”, wer geht ernsthaft auf die Straße um zu demonstrieren? Und das ist nicht etwa ein Phänomen der Neuzeit: Auch in den späten 60ern demonstrierte nur eine Minderheit, überwiegend Studenten, und dafür wurden sie noch häufig genug von der breiten Masse angefeindet. Langhaariges Pack, wir wollen unsere Ruhe haben! Ja, wir haben hier – im Gegensatz zur damaligen DDR – die Meinungsfreiheit. Dummerweise wird von selbiger kaum Gebrauch gemacht, und wenn, dann nur beim täglichen Motzen am Stammtisch. Wirf dem Volk Bananen zu oder RTL, und du hast deine Ruhe.

Und doch unterscheidet die jetzige Republik etwas von der DDR. Nein, ich rede nicht vom “Wohlstand”, denn der wird sich in immer breiteren Schichten nur auf Pump geleistet! Dagegen kann unsere Regierung übrigens nichts einwenden, sie geht ja mit bestem Beispiel voran. Nein, es geht um die Überwachung, die bislang zumeist relativ folgenlos für die Überwachten bleibt. Denn eine Überwachung findet statt. Aber warum eigentlich?

So langsam merkten die “Herrschenden” – und damit meine ich nicht unsere Politmarionetten aus Berlin – dass das neue Medium Internet, oder besser gesagt seine Möglichkeiten der Kommunikation, ihnen gefährlich werden könnte. Natürlich sind es auch wirtschaftliche Interessen, die “sie” aufmerksam werden lassen: Für die Tageszeitungen sind die Onlineausgaben meist Verlustgeschäfte, und die Musik- und Filmindustrie stirbt gerade leise vor sich hin – zumindest wenn man ihren Sprechern glauben darf. In erster Linie ist es aber die Möglichkeit, dass dummdreiste oder bestenfalls unglückliche Entscheidungen besser hinterfragt werden können, dass man sich schneller zum Widerstand vernetzen kann, eben dass die kritischen Menschen – denn die gibt es durchaus – plötzlich durch die neuen Wege mehr Macht bekommen. Und genau deshalb sind wir auf bestem Wege in die Zensur, die Kontrolle, die Überwachung! Dass vorgeschobene Gründe wie Kinderpornographie zu Rohrkrepierern werden konnten “sie” ja nicht ahnen, denn “sie” haben sowohl die Kommunikation im Netz als auch das technische Wissen der “Netzgemeinde” unterschätzt. Nicht dass unsere Politnasen das ansatzweise interessiert, denn noch ist die kritische Gemeinde zu klein und, wohl das größere Übel, sie betreibt “Inzuchtprotest”.

Vielleicht wäre also das System der DDR für viele “Ex-Ossis” – jedenfalls für die breite Mehrheit, die nicht hinterfragen, nachdenken, neu strukturieren wollen – nicht doch das Richtige? (Oh ja, viele Bürger der DDR haben protestiert, und dieser Protest damals war weitaus gefährlicher als die “Demonstrationen hier im Westen”. Aber sie wurden nach der Einverleibung der DDR wieder verarscht, und irgendwann hat wahrscheinlich auch der größte Systemkritiker – verständlicherweise – die Nase voll!) Aber das ist keine Frage von Ost und West: Wäre die Versorgung von Flachbildschirmen weiterhin gewährleistet würde wohl auch viele “Wessis” ein System wie das der damaligen DDR nicht stören. Eine böse Behauptung? Nun, wie erklärt man dann, dass gegen die Gefahr der Zensur kaum jemand auf die Straße geht?

Damit wir uns richtig verstehen: Diese Gedankengänge haben nichts, aber auch gar nichts mit dem nervigen “Ossi-Wessi-Thema” zu tun. Sondern allein damit, dass die breite Masse Mensch sich kritiklos gängeln lässt. Dass sich dies nach der Wahl – und den damit unweigerlich verbundenen weiteren Einschnitten in das Lebensniveau – ändert glaube ich nicht. Aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren…

Dieser Beitrag wurde am 24. September 2009 um 13:16 Uhr unter Quergedacht veröffentlicht.

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